Eine Frau steht in der Küche und hält sich die Ohren zu, Symbolbild für Tinnitus durch Stress.

Tinnitus durch Stress: Ursachen, Hintergründe, Hilfe

Ein Pfeifen, Rauschen oder Piepen, das niemand außer Ihnen hört. Gerade abends, wenn es um Sie herum ruhig wird, tritt es oft am deutlichsten hervor. Für viele Betroffene, häufig Männer in stark fordernden Berufsphasen, ist das Ohrgeräusch eines der ersten Anzeichen, dass etwas mit der eigenen Belastung nicht stimmt.

Der Zusammenhang zwischen Stress und Tinnitus ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt, aber gut untersucht. Ihr Körper reguliert Stress über ein System aus Gehirn, Hirnanhangdrüse und Nebennieren, die sogenannte HPA-Achse, die unter anderem das Hormon Cortisol ausschüttet. Bei Menschen mit anhaltendem Tinnitus zeigen Studien eine veränderte, häufig abgeflachte Reaktion dieses Systems auf Stress, gemessen unter anderem über Cortisol im Haar, das die Hormonbelastung der letzten Wochen abbildet. Je lauter das Ohrgeräusch subjektiv wahrgenommen wird, desto deutlicher zeigen sich diese Veränderungen im Stresssystem (Basso et al., 2022). Vermutlich verstärken sich Stress und Ohrgeräusch dabei gegenseitig: Der Stress begünstigt das Auftreten des Tinnitus, und das ständige Geräusch selbst wird wiederum zur Stressquelle.

Was wirklich hilft

Kurzfristig lindern: Ruhephasen ohne komplette Stille, etwa leise Naturgeräusche oder Musik, helfen vielen Betroffenen, den Fokus vom eigenen Ohrgeräusch wegzulenken. Auch gezielte Entspannung der Kiefer- und Nackenmuskulatur kann das Geräusch spürbar leiser erscheinen lassen, da diese Bereiche eng mit dem Hörsystem verbunden sind.
Anders draufschauen: Der größte Leidensdruck entsteht oft nicht durch das Geräusch selbst, sondern durch die Angst davor, dass es niemals wieder verschwindet, und durch die ständige Aufmerksamkeit, die Sie ihm schenken. Zu lernen, den Fokus bewusst zu verschieben, verändert, wie belastend der Tinnitus erlebt wird, auch wenn das Geräusch selbst bleibt.
An der Ursache ansetzen: Fragen Sie sich ehrlich, seit wann der Tinnitus da ist und was in dieser Phase Ihres Lebens los war. Häufig fällt der Beginn mit einer besonders fordernden Zeit zusammen. Die Ursache anzugehen bedeutet dann, die dauerhafte Überlastung in dieser Lebensphase zu verringern, nicht nur das Symptom zu managen.

Wann Sie genauer hinschauen sollten

Ein neu auftretender Tinnitus sollte immer erst ärztlich abgeklärt werden – und zwar zeitnah. Bei plötzlich einsetzendem Ohrgeräusch, besonders in Verbindung mit Hörverlust, gehen Sie bitte umgehend zum HNO-Arzt. Hier zählt jeder Tag.

Steht dann fest, dass keine organische Ursache vorliegt und Stress eine Rolle spielt, beginnt die eigentliche Arbeit. Denn beim Tinnitus geht es selten darum, das Geräusch zum Verschwinden zu bringen. Es geht darum, dass es aufhört, den ganzen Raum einzunehmen. Und genau das hängt davon ab, wie angespannt Ihr Nervensystem ist: Je höher die Daueranspannung, desto lauter erscheint das Geräusch.

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Quelle: Basso L, Boecking B, Neff P, Brueggemann P, Peters EMJ, Mazurek B (2022). Hair-cortisol and hair-BDNF as biomarkers of tinnitus loudness and distress in chronic tinnitus. Scientific Reports, 12:1934. doi:10.1038/s41598-022-04811-0